eine liebe in prag

auf 3sat war dieser film abends zu sehen. obwohl er die handschrift der US-filmindustrie trägt und eine US/D-koproduktion ist, hat er mich bewegt. meine alte idee, dachau, auschwitz und theresienstadt zu besuchen kam wieder hoch, und ich fühlte einen brennenden kloß im hals bei der vorstellung, vor einem restaurierten tor mit der aufschrift "arbeit macht frei" zu stehen. dort gibt es führungen, als wäre das ein forum romanum oder ein delphi. dabei war das so gut wie gestern, und unsere großeltern hätten dabei sein können oder sind es gewesen, opfer oder täter.
es fehlen nur noch kaffeehäuser und souveniershops, oder ein hotel vor ort um eine gruselige nacht zu verbringen.
eine zeitlang vertrat ich die ansicht der einzig adäquate umgang damit wäre, die KZs alle zu schleifen, das wäre man den opfern und ex-häftlingen schuldig.
aber dieser gedanke kam wohl nur aus der absoluten unerträglichkeit dieser ereignisse und meinem unvermögen, das gerede, die filme (schindlers liste, holocaust) und die geschäfte mit diesem grauen auszuhalten oder etwa zu verstehen. ich kann es auch heute noch nicht.
aber jetzt glaube ich, sie sollten vielmehr stille gedenkstätten bleiben.
stille gedenkstätten: keine IX. von beethoven im steinbruch von mauthausen und keine öffentlichkeitswirksame begehung der todesstiege durch regierungspolitiker. das finde ich noch immer zu unerträglich.
Dark Angel - 18. Jul, 19:53

Unerträglich?

Dein Entsetzen, lieber ferromonte, habe ich in jungen Jahren geteilt, in den 60ern war es Mode, in der Schule seitens der Lehrer mit Grabesstimme und so einem verlogenen Pathos der "Wiedergutmachung" über KZs zu sprechen, aber bitte nur ganz kurz, und keine Fragen....Dann kam dieser merkwürdige gestellt wirkende Film "Holocaust", der in der anderen Richtung übertrieb: Nun wollen wir mal über alles reden und nichts auslassen, auch das berührte mich merkwürdig. Und schließlich kannte ich eine Frau, die Auschwitz überlebt hatte, die Mutter meiner jüdischen Freundin
aus der Familie Rothschild. Mit ihr habe ich lange und ausführlich geredet und einen ganz neuen Blickwinkel gewonnen, da sie mir vermittelt hat, dass in den KZs ausgesuchte deutsche Bestien "arbeiteten", besonders was das Ärztepersonal betrifft (med. "Versuche"), und dieser Umstand verhalf mir zu einem distanzierteren Standpunkt, mich nicht ständig mitschuldig zu fühlen.Sie unterschied sehr wohl, wer mitschuldig war und wer nicht. Diese gequälte Frau war mit voller Absicht nach der Befreiung aus dem KZ nach Deutschland (und nicht nach Israel!)zurückgekehrt, um dort weiter zu leben und mitzuhelfen, dass Derartiges nie mehr passiert. Sie hat immer den Mund aufgemacht über Auschwitz. Im Übrigen hatte ich eine Tante, die 1940 bis 44 Juden und Kommunisten im Keller ihrer Berliner Villa versteckt hielt und Leben rettete.Sie wurde noch im Februar 45 hingerichtet,im KZ Oranienburg, denunziert von Nachbarn! Und außerdem habe ich auch Verwandte gehabt, die bei der Waffen- bzw. Reiter-SS waren. Viele Gründe für schlaflose Nächte.Aber schließlich sagte ich mir dann, dass ich zu den Brechtschen "Nachgeborenen" gehöre und auch das half mir, nicht gleichgültig zu werden, nicht bei dem Entsetzen stehen zu bleiben, sondern gegen jede Form von Faschismus weiterhin zu kämpfen, und wenn auch nur verbal. Der Alltag ist voll davon!
Was sog KZ-Begehungen betrifft, so kann ich dir nur beipflichten: überflüssig wie ein sechster Finger. Aber eines ist sehr sinnvoll: Jugendlichen zu vermitteln, was dort passiert ist in Form von Workshops: Aus meiner Region gab es einmal so ein Unternehmen, da mussten die Jugendlichen das weggenommene Eigentum der Auschwitz-Häftlinge sichten: Brillen, Kleidung, ganze Koffer, Papiere... das vermittelt mehr Historisches als manche dämliche "Führung", denn da wird Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes "be-griffen"....
Vielleicht wäre das ein Weg...

ferromonte - 18. Jul, 20:21

danke für deinen

langen komment. ein wohltuender kontrast.
wissen, und neues detailwissen relativiert emotionen, die aus dem ruder gelaufen sind, ja.
da kann man als individuum nach vielen auseinandersetzungen distanz finden. auseinandersetzungen, die man großteils mit sich allein führen muß, weil kaum jemand darüber sprechen kann: sei es, weil er nichts weiß oder ihm alles gleichgültig ist, oder weil er selbst hilflos vor diesem "gestern" steht.
gerade wenn man solche von dir erwähnte gegenstände sieht, brillen, schuhe, haufen von kinderschuhen, haarberge, zahngold ... packt einen die verzweiflung: das sind keine zerfallenen felle irgendwelcher steinzeitmenschen sondern schuhe, die auch auf dem dachboden in einer kiste liegen können.
und mein entsetzen: regt sich, wenn ich eben den alltagsfaschismus sehe, oder die sorglosen umgang mit einem gewissen wortmaterial, wie ihn nicht nur unserer politiker üben, sondern auch eben in alltagsbeobachtungen zu hören/sehen ist: u-bahn, bus, straßenbahn. wütende menschen, die aus ihrem boden-satz schöpfen. da ist reichlich material vorhanden.

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