lehrmeister
"Seit ich denken kann, hatte ich,immer wieder, das Bedürfnis nach einem Lehrmeister. Manchmal genügte ein Wort, und ich fühlte mich, von Lernbegier beseelt, in die Nähe eines anderen hingezogen. Den paar Berufslehrern, die mir im Lauf der Zeit etwas weiterzugeben hatten, bin ich jetzt dankbar; aber keinen von ihnen könnte ich "meinen Lehrer" nennen. Der einzige Mensch auf der Universität, bei dem mich, als er in einer Rechtsvorlesung die Sollensnatur der Dinge in rätselhaft einfache mathematische Sätze brachte, eine bis dahin ungehörte Wissenslust ergriff und dessen "Schüler" ich zu werden begehrte (es war tatsächlich ein begehren), war nur als Gast da und nach einer kurzen Woche wieder verschwunden. Die Schriftsteller, deren ernsthafter Leser ich bin, sind mir eher teuer wie Brüder - und kommen so manchmal auch allzu nah."
(Peter Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire)
(Peter Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire)
ferromonte - 12. Apr. 2004, 20:54
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